{"id":337,"date":"2010-10-12T14:02:57","date_gmt":"2010-10-12T12:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.balkaninvest.eu\/?page_id=337"},"modified":"2025-04-09T18:33:36","modified_gmt":"2025-04-09T15:33:36","slug":"rede-merkel-in-sofia-wirtschaftsforum-2010","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blog.balkaninvest.eu\/de\/dokumente\/rede-merkel-in-sofia-wirtschaftsforum-2010\/","title":{"rendered":"Rede Angela Merkel in Sofia vor dem Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforum vom 11. Oktober 2010"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; admin_label=&#8220;section&#8220; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_row admin_label=&#8220;row&#8220; _builder_version=&#8220;4.27.4&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; hover_enabled=&#8220;0&#8243; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220; width=&#8220;90%&#8220; sticky_enabled=&#8220;0&#8243;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;][et_pb_text admin_label=&#8220;Text&#8220; _builder_version=&#8220;4.16&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220; theme_builder_area=&#8220;post_content&#8220;]Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anl\u00e4sslich des Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforums<\/p>\n<p>Mo, 11.10.2010<\/p>\n<p>in Sofia<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Ministerpr\u00e4sident,<\/p>\n<p>sehr geehrte Frau Parlamentspr\u00e4sidentin,<\/p>\n<p>sehr geehrte Minister,<\/p>\n<p>sehr geehrter Herr Rollmann,<\/p>\n<p>meine sehr geehrten Damen und Herren,<\/p>\n<p>ich freue mich, dass ich heute bei Ihnen sein und vor Ihnen zum Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforum hier in Sofia sprechen kann. Ich m\u00f6chte mich f\u00fcr die Gastfreundschaft der bulgarischen Regierung ganz herzlich bedanken.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich auch noch einmal bekr\u00e4ftigen, was soeben der Ministerpr\u00e4sident und was der Pr\u00e4sident heute gesagt haben, n\u00e4mlich dass Deutschland und Bulgarien eine sehr enge, eine sehr tiefe Freundschaft verbindet. Ihre Wurzeln reichen Jahrhunderte zur\u00fcck \u2013 man kann sich das bis in das 9. Jahrhundert anschauen, als das Fr\u00e4nkische Reich mit dem Khanat Bulgarien im Austausch stand. Seitdem gab es immer wieder H\u00f6hen und Tiefen in unserer Zusammenarbeit. Heute ist das Fundament nat\u00fcrlich unsere gemeinsame Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union und in der NATO. Dieses Fundament tr\u00e4gt die bilateralen Beziehungen in ganz besonderer Weise.<\/p>\n<p>Ich habe heute sowohl auf der Regierungsebene als auch mit Vertretern der Au\u00dfenhandelskammer Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Es ist gut, dass Deutschland f\u00fchrend ist, was die Handelsbeziehungen mit Bulgarien anbelangt. Allerdings ist auf der anderen Seite, wenn wir uns die Investitionen anschauen, durchaus noch Einiges zu tun. Da k\u00f6nnen wir noch Einiges verbessern.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vorweg sagen, dass wir die Reformbem\u00fchungen der Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Borisov au\u00dferordentlich sch\u00e4tzen und glauben, dass gerade auch im Kampf gegen die Korruption und \u00e4hnliche Erscheinungen wichtige und auch mutige Schritte gegangen wurden. Dennoch glaube ich \u2013 so mein Eindruck in der Diskussionsrunde mit den Unternehmen vorhin \u2013, dass noch eine Menge zu tun ist. Deshalb habe ich die Justizministerin soeben mit den Worten begr\u00fc\u00dft, dass sie wahrscheinlich noch viel Arbeit vor sich hat. Sie haben letztendlich ja eine ganze Latte von Reformen durchzuf\u00fchren \u2013 ob das nun im Justizbereich ist oder im Bereich der sozialen Sicherungssysteme. Ich darf Ihnen sagen, dass Gesundheitsreformen auch in Deutschland nicht ganz einfach durchzusetzen sind. Ich glaube, sie sind in allen Industriel\u00e4ndern ausgesprochen schwierig durchf\u00fchrbar.<\/p>\n<p>Das Wichtigste, was geschafft werden muss, ist aber, dass die Beziehungen \u2013 gerade auch die wirtschaftlichen Beziehungen mit einzelnen Unternehmen \u2013 auf Verl\u00e4sslichkeit fu\u00dfen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass sich ein Gef\u00fchl der Rechtssicherheit, der Berechenbarkeit und der Nachhaltigkeit entwickelt, damit Firmen nicht immer im Unklaren dar\u00fcber sind, ob sie an einer bestimmten Stelle nicht doch wieder auf Ungleichheiten sto\u00dfen werden.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass die Schwierigkeit, die wir zu \u00fcberwinden haben, darin besteht, dass auf der einen Seite \u2013 das hat mir auch der Ministerpr\u00e4sident heute gesagt \u2013 die Wirtschaftsleistung Bulgariens durch die riesigen Umstrukturierungsprozesse von 1990 an erst 2014 wieder das Niveau erreichen wird, das es unter planwirtschaftlichen Bedingungen schon einmal erreicht hatte. Was bedeutet das? Das bedeutet nat\u00fcrlich f\u00fcr die einzelnen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Bulgarien, dass sie einen langen und zum gro\u00dfen Teil auch sehr beschwerlichen Pfad noch vor sich haben, wenn es darum geht, wie man in freiheitliche, marktwirtschaftliche Mechanismen hineinkommt.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite sind Unternehmen da, die immer den Anspruch haben, dass sie Geld verdienen. Auf der anderen Seite sind B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger da, die nicht unendlich viel Geld zur Verf\u00fcgung haben. Auf der dritten Seite ist ein Staat da, der sich gl\u00fccklicherweise einer Stabilit\u00e4tskultur verschrieben hat und nicht alles auf Pump erwirtschaften will. In diesem sehr schwierigen Dreieck m\u00fcssen jetzt L\u00f6sungen gefunden werden, bei denen einerseits die Unternehmen ihre Gewinne machen und auch wieder reinvestieren k\u00f6nnen \u2013 es muss ja auch viel in die Infrastruktur investiert werden \u2013, und die auf der anderen Seite die Menschen nicht \u00fcberfordern d\u00fcrfen. Des Weiteren stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Wie kann Bulgarien ein Land mit soliden Finanzen sein?<\/p>\n<p>Die internationale Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr ist nat\u00fcrlich ein schwerer Schlag gewesen. Denn wenn schon ein Land wie Deutschland einen Wirtschaftseinbruch von f\u00fcnf Prozent hatte und wir in diesem Jahr einen Haushalt mit einer Neuverschuldung haben, die im Grunde deutlich macht, dass letztlich jeder vierte Euro in unserem Haushalt auf Pump ist, und wenn ein Land wie Bulgarien, das noch nicht auf der gleichen Entwicklungsstufe wie Deutschland ist, auch einen Wirtschaftseinbruch von f\u00fcnf Prozent zu verkraften hat und jetzt auch noch nicht so ein Wachstum wie Deutschland hat \u2013 wir werden in diesem Jahr \u00fcber drei Prozent Wachstum haben, Sie werden vielleicht ein Prozent Wachstum haben \u2013, dann leuchten mir die Schwierigkeiten ein, die es da gibt.<\/p>\n<p>Meine Bitte an die Regierungsvertreter ist nur \u2013 in der Gespr\u00e4chsrunde waren ja eben zwei Minister dabei \u2013, dass sich die Unternehmen ermutigt f\u00fchlen, auf ihrem Weg weiterzugehen. Ich glaube, da ist wiederum die Frage der Berechenbarkeit und Verl\u00e4sslichkeit der zentrale Punkt. Ich bin aber auch Politikerin genug, um zu wissen, dass die Bev\u00f6lkerung nat\u00fcrlich auch ihre Fragen stellt. Ich glaube aber, ohne internationale Unternehmen wird es zum Schluss nicht m\u00f6glich sein, einen wirklich tragf\u00e4higen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Ich m\u00f6chte ausdr\u00fccklich sagen, dass Deutschland bereit ist, hier mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. So wie wir Sie hinsichtlich der Schengen-Bedingungen unterst\u00fctzen, die schrittweise zu erf\u00fcllen sind, k\u00f6nnen wir Sie auch in anderen Dingen unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ich glaube, Sie haben zum Teil auch ein sehr schweres Erbe angetreten. Was zum Beispiel die Nutzung der Strukturfonds anbelangt, sind die Dinge, die h\u00e4tten geschehen m\u00fcssen, viele Jahre lang nicht geschehen, sodass Sie jetzt in einem sehr kurzen Zeitraum versuchen m\u00fcssen, die Mittel, die Bulgarien zur Verf\u00fcgung stehen, sinnvoll einzusetzen. Beim Abendessen sollten wir noch einmal \u00fcber die Frage der Kofinanzierung der europ\u00e4ischen Mittel sprechen. Es ist ganz wichtig, dass Sie alles Geld, das aus Europa nach Bulgarien kommen kann, wirklich ausgeben k\u00f6nnen, damit die Menschen dann auch einen Fortschritt sehen. Ich denke, wenn beispielsweise Autobahnen und andere Verkehrswege gebaut werden, dann sind das wichtige, ermutigende Signale f\u00fcr die Menschen im Land.<\/p>\n<p>Mein Besuch wird also mit Sicherheit dazu beitragen und beigetragen haben, dass wir die Probleme, die es hier gibt, sehr viel besser verstehen. Ich darf Ihnen sagen \u2013 das war mein Eindruck aus dem Gespr\u00e4ch mit der Au\u00dfenhandelskammer, die ja letztlich f\u00fcr Tausende Unternehmen steht, die sich hier in Bulgarien engagieren \u2013, dass der gute Wille, in Bulgarien zu re\u00fcssieren und Erfolg zu haben, bei den deutschen Unternehmen in umfassendem Sinne vorhanden ist und dass hier auch sehr viele gemeinsame Ziele verfolgt werden. Wir sind also sehr gerne bereit, Bulgarien dort, wo es von Deutschland Hilfe ben\u00f6tigt und auch anfordert \u2013 auch was Fragen der \u00dcberwindung von B\u00fcrokratie anbelangt \u2013, zur Seite zu stehen. Deutschland ist auch nicht immer ein unb\u00fcrokratisches Land, manches dauert auch in Deutschland sehr lange. Wir haben aber eine langj\u00e4hrige Erfahrung mit den Prozeduren, die in der Europ\u00e4ischen Union verlangt werden, und k\u00f6nnen hier, wie ich glaube, manch guten Rat geben.<\/p>\n<p>Ein Thema, das immer wieder eine sehr gro\u00dfe Rolle gespielt hat \u2013 hier bitte ich Sie darum, dass wir das schnell weiterverfolgen k\u00f6nnen \u2013, ist das Thema der Ausbildung. Ich glaube, dass die Ausbildung ein Punkt ist, der sehr stark dar\u00fcber entscheidet, ob junge Menschen, die in Bulgarien zur Schule gegangen sind, dann auch ihre berufliche Zukunft hier in ihrem Land sehen. Wie ich es verstanden habe, ist die berufliche Ausbildung zum Teil noch sehr theoretisch und kn\u00fcpft noch nicht an die eigentlichen Erwartungen an, die moderne Unternehmen an die jungen Menschen, die sie besch\u00e4ftigen, stellen. Hier ist mein Vorschlag, dass wir uns das noch einmal anschauen. Die Gesellschaft f\u00fcr technische Zusammenarbeit hat hier offensichtlich vier Jahre lang Einiges probiert. Allerdings habe ich gelernt: Obwohl das Programm dieses Jahr ausl\u00e4uft, sind erst 50 Prozent der Arbeit erledigt. Es ist also noch nicht so, dass man daraus wirklich berufliche Ausbildung machen kann.<\/p>\n<p>Die deutsche Erfahrung ist aber im Grunde, dass junge Leute m\u00f6glichst viel in Betriebe hinein m\u00fcssen, in denen sie von Anfang an lernen, wie das in der Praxis funktioniert, was sie an anderer Stelle in der Theorie erfahren. Wir nennen das duale Berufsausbildung, die idealerweise immer von einer betrieblichen Ausbildung und durch theoretische Kenntnisse untermauert wird. Daraus ist in Deutschland in Jahrzehnten eine solide Struktur von Facharbeitern, von sehr gut ausgebildeten Menschen entstanden, die auch in der Lage sind, sich ihr gesamtes Arbeitsleben lang immer wieder an neue Technologien und an Ver\u00e4nderungen zu gew\u00f6hnen. Wir sollten noch einmal schauen, wie wir da enger zusammenarbeiten k\u00f6nnen. Es ist eigentlich einhellig von allen Mitgliedern der Au\u00dfenhandelskammer gesagt worden, dass das ein Punkt ist, an dem noch weiter gearbeitet werden muss.<\/p>\n<p>Wir sind als Bundesrepublik nat\u00fcrlich bereit, bulgarische Exporte auch als unsere Importe zu verstehen. Wir sind das zweitwichtigste Lieferland f\u00fcr Bulgarien, haben also sehr gute Rahmenbedingungen. Deutsche Unternehmen sind eigentlich in fast allen Bereichen in Bulgarien ans\u00e4ssig \u2013 zum Beispiel im Maschinenbau, Automobilbau, in der Grundstoffindustrie, Pharmaindustrie, Energieversorgung und Verkehrsinfrastruktur.<\/p>\n<p>Wenn es mir gestattet ist, m\u00f6chte ich zur Energieversorgung noch etwas sagen, denn ich glaube, dass sich die Frage des Wohlstands der Bev\u00f6lkerung und die M\u00f6glichkeit, Ertr\u00e4ge zu erzielen, im Energienetz am meisten brechen. Nat\u00fcrlich darf Energie einerseits nicht zu teuer sein; sie muss f\u00fcr die Menschen bezahlbar sein. Auf der anderen Seite muss das Energiesystem auf eine moderne Grundlage gestellt werden. Ich glaube, hier ist es wichtig, dass die Regierung einen langfristigen Plan erstellt, wo man schrittweise hin m\u00f6chte. Hier sind wir gerne bereit zu helfen.<\/p>\n<p>Wir haben in diesem Jahr gl\u00fccklicherweise wieder eine leicht aufsteigende Tendenz, aber wir alle werden in Europa noch lange an der Krise zu knabbern haben. Ich will ausdr\u00fccklich sagen, dass ich es sehr w\u00fcrdige, dass Bulgarien nicht den Weg \u00fcber eine hohe Verschuldung geht, sondern seine W\u00e4hrung an den Euro gekoppelt hat und dem Eurobereich so schnell wie m\u00f6glich, wenn die Kriterien erf\u00fcllt werden, beitreten m\u00f6chte. Ich sage auch ausdr\u00fccklich zu, dass wir bereit sind, Bulgarien streng nach den Kriterien aufzunehmen. Es gibt jetzt manchmal die Sorge, ob nach den Problemen, die wir mit Griechenland hatten, \u00fcberhaupt noch neue Mitglieder in den Eurobereich aufgenommen w\u00fcrden. Da k\u00f6nnen Sie sich aber ganz sicher sein. Wir haben jetzt Estland die Zusage gegeben, dass es ab dem 1. Januar 2011 Mitglied des Euroraums sein kann. So werden wir das auch in allen anderen F\u00e4llen machen.<\/p>\n<p>Wenn Sie sich \u00fcberlegen, wo f\u00fcr Bulgarien \u2013 \u00fcber das hinaus, was man klassischerweise schon kann \u2013 neue Bereiche der Entwicklung entstehen k\u00f6nnen, dann ist sicherlich die Frage der Energieeffizienz, die Frage der erneuerbaren Energien als ein sehr spannendes und interessantes Investitionsfeld zu nennen. Hier ist Deutschland gerne bereit, mit Ihnen gemeinsam zu arbeiten.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich bei der Handelskammer daf\u00fcr bedanken, dass sie nicht nur in allgemeine Kritik oder allgemeine Spr\u00fcche gefl\u00fcchtet ist, sondern dass der bulgarischen Regierung ganz konkret 101 Vorschl\u00e4ge \u00fcbergeben wurden. Ich habe mich davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass diese Vorschl\u00e4ge bearbeitet werden und dass man bei einem Teil der Vorschl\u00e4ge schon in der Umsetzung ist; bei anderen Teilen wartet man noch. Die klassischen Fragen, \u00fcber die wir auch in Deutschland immer wieder diskutieren, sind nat\u00fcrlich steuerrechtliche Fragen und auch Fragen der Investitionssicherheit. Ich habe gelernt, dass bei den Rechtsfragen gearbeitet wird, w\u00e4hrend bei den steuerrechtlichen Fragen vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit vergehen wird.<\/p>\n<p>Deutschland und Bulgarien \u2013 Teil einer gemeinsamen Europ\u00e4ischen Union. Der Binnenmarkt innerhalb der Europ\u00e4ischen Union ist sozusagen unsere Chance. Alle unsere L\u00e4nder sind im Grunde zu klein, um allein auf den Weltm\u00e4rkten bestehen zu k\u00f6nnen. Deshalb ist die Frage, wie wir den Binnenmarkt in der Europ\u00e4ischen Union gestalten, nat\u00fcrlich eine der zentralen Fragen. Dazu geh\u00f6rt, dass wir neben dem Binnenmarkt im klassischen Sinne jetzt auch einen Energiebinnenmarkt schaffen wollen. In Bulgarien ist, glaube ich, immer noch in der Diskussion, wie die Energiestruktur des Landes aussehen sollte und wo man Energie importieren oder exportieren sollte. Dar\u00fcber k\u00f6nnen wir gerne sprechen. Das hat auch etwas mit den gro\u00dfen Infrastrukturprojekten zu tun \u2013 sei es Nabucco, sei es South Stream.<\/p>\n<p>Wir werden im Februar einen Energierat haben, der f\u00fcr alle Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist. Wir m\u00fcssen uns in Europa immer wieder vor Augen halten, dass die Welt nicht auf uns wartet. Ich habe in der Weltwirtschaftskrise immer wieder gesagt: In einer solchen Krise werden gemeinhin die Karten neu gemischt. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass wir als Europ\u00e4ische Union innerhalb des Zeitraums, in dem man sich weltweit wieder aus der Krise herausarbeitet, nicht an Wettbewerbskraft verlieren und ins Hintertreffen geraten.<\/p>\n<p>Wenn wir eine gemeinsame W\u00e4hrung haben, ist die Einhaltung des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakts, so wie er in der Europ\u00e4ischen Union vereinbart ist, essenziell f\u00fcr das Vertrauen der verschiedenen Mitgliedstaaten in diese W\u00e4hrung. Wir in der Europ\u00e4ischen Union sind \u2013 zu Recht, wie ich finde \u2013 der Meinung, dass die Wirtschaftskrise soweit \u00fcberwunden ist, dass wir jetzt auch an die Exitstrategien denken m\u00fcssen. Es wird in diesen Tagen weltweit sehr viel dar\u00fcber diskutiert, wie sich die einzelnen W\u00e4hrungen zueinander verhalten und wer welche Strategie verfolgt. Wir werden auf dem G20-Treffen in S\u00fcdkorea sicherlich auch noch einmal \u00fcber genau diesen Punkt sprechen. Denn wenn einige Industrienationen oder zum Beispiel die gesamte Europ\u00e4ische Union tief in einer Exitstrategie verhaftet sind, andere aber noch weit davon entfernt sind, dann bringt das nat\u00fcrlich eine Vielzahl von Problemen mit sich, die die Nachhaltigkeit des weltweiten Wirtschaftswachstums wieder in Frage stellen. Hierbei werden wir miteinander sicherlich in einem engen Kontakt sein.<\/p>\n<p>Wir haben au\u00dferdem darauf zu achten, dass wir uns in Europa um die Dinge k\u00fcmmern, die unsere Wettbewerbsf\u00e4higkeit st\u00e4rken. Ich bin mir nicht sicher, dass jede Initiative, die in Europa in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurde \u2013 zum Beispiel die Kennzeichnung von diesen und jenen guten und schlechten Lebensmitteln \u2013, wirklich so wichtig ist, dass man sie mit letzter Inbrunst verteidigen sollte. Andere Initiativen haben w\u00e4hrenddessen \u2013 eine gemeinsame Forschungspolitik, eine gemeinsame Innovationspolitik, ein gemeinsamer Ausbau von Breitbandkabeln und ein gemeinsamer Energiemarkt \u2013 vielleicht nicht immer die Priorit\u00e4t bekommen, die sie h\u00e4tten bekommen sollen. Sie, die neuen Mitgliedstaaten in der Europ\u00e4ischen Union, haben noch ein sehr gutes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was f\u00fcr die Zukunft wichtig ist und was vielleicht schon ein bisschen einem sehr hohen Entwicklungsniveau geschuldet ist. Deshalb m\u00f6chte ich Sie von der bulgarischen Seite auch bitten, uns immer wieder zu sagen, was wir tun m\u00fcssen, damit wir ein wirklich leistungsstarkes und wettbewerbsf\u00e4higes Europa werden.<\/p>\n<p>Der Wettbewerbsdruck in den n\u00e4chsten Jahren wird nicht geringer werden. Wenn Sie sehen, dass sich China jetzt entschieden hat, zum Beispiel in Griechenland zu investieren, oder wenn Sie sehen, dass China eine Autobahn-Ausschreibung in Polen gewonnen hat, dann erahnen Sie, mit welchen Wettbewerbern wir uns auseinandersetzen m\u00fcssen. Wir wollen nicht protektionistisch sein. Wenn andere besser sind als wir, dann werden wir das akzeptieren m\u00fcssen. Insofern brauchen wir einander \u2013 von einer guten Wissenschafts- und Innovationslandschaft bis hin zu akzeptierten Unternehmen in unseren L\u00e4ndern \u2013, damit wir als Europ\u00e4ische Union stark sind. Das machen wir ja nicht zum Selbstzweck, um uns auf die Schulter klopfen zu k\u00f6nnen, sondern das tun wir, um den Wohlstand der Menschen in unseren L\u00e4ndern zu heben.<\/p>\n<p>Die Devise, nach der wir in Deutschland mit dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft immer erfolgreich waren und die ja auch im Lissabon-Vertrag festgeschrieben ist, hei\u00dft: So viel Staat wie n\u00f6tig \u2013 wir haben in der Wirtschaftskrise gesehen: wenn es gar keine staatlichen Kontrollen und Regeln gibt, dann ist das schlecht \u2013, aber eben an anderen Stellen auch so wenig Staat wie m\u00f6glich, damit sich Unternehmen mit ihrer Kraft und ihren Ideen entfalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Letzte Bemerkung: Deutschland ist im Grunde immer gut damit gefahren, nicht nur wenige gro\u00dfe Unternehmen zu haben, sondern auch viele kleine und mittlere, die in einem best\u00e4ndigen Wettbewerb versucht haben, miteinander um die besten Produkte zu ringen. Daf\u00fcr brauchen sie Freiraum, aber eben auch gleiche Wettbewerbsbedingungen. Die Vielzahl von kleinen Unternehmen hat sich immer als unsere St\u00e4rke erwiesen, denn kleine Unternehmen k\u00f6nnen schnell auf sich weltweit ver\u00e4ndernde Marktlagen reagieren. Deshalb sage ich: Wo immer Sie k\u00f6nnen, vergessen Sie die Kleinen nicht, sondern haben Sie ein Wettbewerbsrecht \u2013 das war vielleicht der wichtigste Erfolgsschl\u00fcssel von Ludwig Erhard zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland \u2013, das Monopolstrukturen verhindert und dadurch den kleinen Strukturen die Kraft gibt, sich entwickeln zu k\u00f6nnen. Glauben Sie aber nicht, dass Sie daf\u00fcr Beifall bekommen. Ludwig Erhard ist von allen Wirtschaftsverb\u00e4nden, die wir hatten, f\u00fcr dieses Wettbewerbsrecht bek\u00e4mpft worden. Die Gro\u00dfen wollten alle, dass sie sich weiter ausbreiten konnten. Es war vielleicht die wegweisendste Entscheidung von ihm, ein solches Wettbewerbsrecht zu installieren, das den Kleinen die Luft zum Atmen gelassen hat und damit den Wohlstand in Deutschland gef\u00f6rdert hat.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank daf\u00fcr, dass ich heute zu Ihnen sprechen durfte. Herzlichen Dank Ihnen allen f\u00fcr Ihr Engagement f\u00fcr Deutschland und Bulgarien \u2013 zum Nutzen Ihrer Firmen, aber eben auch zum Nutzen der Beziehungen zwischen unseren beiden L\u00e4ndern. Alles Gute f\u00fcr die deutsch-bulgarischen Beziehungen.[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anl\u00e4sslich des Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforums Mo, 11.10.2010 in Sofia Sehr geehrter Herr Ministerpr\u00e4sident, sehr geehrte Frau Parlamentspr\u00e4sidentin, sehr geehrte Minister, sehr geehrter Herr Rollmann, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich, dass ich heute bei Ihnen sein und vor Ihnen zum Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforum hier in Sofia sprechen kann. 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Ich m\u00f6chte mich f\u00fcr die Gastfreundschaft der bulgarischen Regierung ganz herzlich bedanken.\r\n\r\nLassen Sie mich auch noch einmal bekr\u00e4ftigen, was soeben der Ministerpr\u00e4sident und was der Pr\u00e4sident heute gesagt haben, n\u00e4mlich dass Deutschland und Bulgarien eine sehr enge, eine sehr tiefe Freundschaft verbindet. Ihre Wurzeln reichen Jahrhunderte zur\u00fcck \u2013 man kann sich das bis in das 9. Jahrhundert anschauen, als das Fr\u00e4nkische Reich mit dem Khanat Bulgarien im Austausch stand. Seitdem gab es immer wieder H\u00f6hen und Tiefen in unserer Zusammenarbeit. Heute ist das Fundament nat\u00fcrlich unsere gemeinsame Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union und in der NATO. Dieses Fundament tr\u00e4gt die bilateralen Beziehungen in ganz besonderer Weise.\r\n\r\nIch habe heute sowohl auf der Regierungsebene als auch mit Vertretern der Au\u00dfenhandelskammer Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Es ist gut, dass Deutschland f\u00fchrend ist, was die Handelsbeziehungen mit Bulgarien anbelangt. Allerdings ist auf der anderen Seite, wenn wir uns die Investitionen anschauen, durchaus noch Einiges zu tun. Da k\u00f6nnen wir noch Einiges verbessern.\r\n\r\nIch m\u00f6chte vorweg sagen, dass wir die Reformbem\u00fchungen der Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Borisov au\u00dferordentlich sch\u00e4tzen und glauben, dass gerade auch im Kampf gegen die Korruption und \u00e4hnliche Erscheinungen wichtige und auch mutige Schritte gegangen wurden. Dennoch glaube ich \u2013 so mein Eindruck in der Diskussionsrunde mit den Unternehmen vorhin \u2013, dass noch eine Menge zu tun ist. Deshalb habe ich die Justizministerin soeben mit den Worten begr\u00fc\u00dft, dass sie wahrscheinlich noch viel Arbeit vor sich hat. Sie haben letztendlich ja eine ganze Latte von Reformen durchzuf\u00fchren \u2013 ob das nun im Justizbereich ist oder im Bereich der sozialen Sicherungssysteme. Ich darf Ihnen sagen, dass Gesundheitsreformen auch in Deutschland nicht ganz einfach durchzusetzen sind. Ich glaube, sie sind in allen Industriel\u00e4ndern ausgesprochen schwierig durchf\u00fchrbar.\r\n\r\nDas Wichtigste, was geschafft werden muss, ist aber, dass die Beziehungen \u2013 gerade auch die wirtschaftlichen Beziehungen mit einzelnen Unternehmen \u2013 auf Verl\u00e4sslichkeit fu\u00dfen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass sich ein Gef\u00fchl der Rechtssicherheit, der Berechenbarkeit und der Nachhaltigkeit entwickelt, damit Firmen nicht immer im Unklaren dar\u00fcber sind, ob sie an einer bestimmten Stelle nicht doch wieder auf Ungleichheiten sto\u00dfen werden.\r\n\r\nIch glaube, dass die Schwierigkeit, die wir zu \u00fcberwinden haben, darin besteht, dass auf der einen Seite \u2013 das hat mir auch der Ministerpr\u00e4sident heute gesagt \u2013 die Wirtschaftsleistung Bulgariens durch die riesigen Umstrukturierungsprozesse von 1990 an erst 2014 wieder das Niveau erreichen wird, das es unter planwirtschaftlichen Bedingungen schon einmal erreicht hatte. Was bedeutet das? Das bedeutet nat\u00fcrlich f\u00fcr die einzelnen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in Bulgarien, dass sie einen langen und zum gro\u00dfen Teil auch sehr beschwerlichen Pfad noch vor sich haben, wenn es darum geht, wie man in freiheitliche, marktwirtschaftliche Mechanismen hineinkommt.\r\n\r\nAuf der einen Seite sind Unternehmen da, die immer den Anspruch haben, dass sie Geld verdienen. Auf der anderen Seite sind B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger da, die nicht unendlich viel Geld zur Verf\u00fcgung haben. Auf der dritten Seite ist ein Staat da, der sich gl\u00fccklicherweise einer Stabilit\u00e4tskultur verschrieben hat und nicht alles auf Pump erwirtschaften will. In diesem sehr schwierigen Dreieck m\u00fcssen jetzt L\u00f6sungen gefunden werden, bei denen einerseits die Unternehmen ihre Gewinne machen und auch wieder reinvestieren k\u00f6nnen \u2013 es muss ja auch viel in die Infrastruktur investiert werden \u2013, und die auf der anderen Seite die Menschen nicht \u00fcberfordern d\u00fcrfen. Des Weiteren stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Wie kann Bulgarien ein Land mit soliden Finanzen sein?\r\n\r\nDie internationale Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr ist nat\u00fcrlich ein schwerer Schlag gewesen. Denn wenn schon ein Land wie Deutschland einen Wirtschaftseinbruch von f\u00fcnf Prozent hatte und wir in diesem Jahr einen Haushalt mit einer Neuverschuldung haben, die im Grunde deutlich macht, dass letztlich jeder vierte Euro in unserem Haushalt auf Pump ist, und wenn ein Land wie Bulgarien, das noch nicht auf der gleichen Entwicklungsstufe wie Deutschland ist, auch einen Wirtschaftseinbruch von f\u00fcnf Prozent zu verkraften hat und jetzt auch noch nicht so ein Wachstum wie Deutschland hat \u2013 wir werden in diesem Jahr \u00fcber drei Prozent Wachstum haben, Sie werden vielleicht ein Prozent Wachstum haben \u2013, dann leuchten mir die Schwierigkeiten ein, die es da gibt.\r\n\r\nMeine Bitte an die Regierungsvertreter ist nur \u2013 in der Gespr\u00e4chsrunde waren ja eben zwei Minister dabei \u2013, dass sich die Unternehmen ermutigt f\u00fchlen, auf ihrem Weg weiterzugehen. Ich glaube, da ist wiederum die Frage der Berechenbarkeit und Verl\u00e4sslichkeit der zentrale Punkt. Ich bin aber auch Politikerin genug, um zu wissen, dass die Bev\u00f6lkerung nat\u00fcrlich auch ihre Fragen stellt. Ich glaube aber, ohne internationale Unternehmen wird es zum Schluss nicht m\u00f6glich sein, einen wirklich tragf\u00e4higen wirtschaftlichen Aufschwung zu erreichen. Ich m\u00f6chte ausdr\u00fccklich sagen, dass Deutschland bereit ist, hier mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. So wie wir Sie hinsichtlich der Schengen-Bedingungen unterst\u00fctzen, die schrittweise zu erf\u00fcllen sind, k\u00f6nnen wir Sie auch in anderen Dingen unterst\u00fctzen.\r\n\r\nIch glaube, Sie haben zum Teil auch ein sehr schweres Erbe angetreten. Was zum Beispiel die Nutzung der Strukturfonds anbelangt, sind die Dinge, die h\u00e4tten geschehen m\u00fcssen, viele Jahre lang nicht geschehen, sodass Sie jetzt in einem sehr kurzen Zeitraum versuchen m\u00fcssen, die Mittel, die Bulgarien zur Verf\u00fcgung stehen, sinnvoll einzusetzen. Beim Abendessen sollten wir noch einmal \u00fcber die Frage der Kofinanzierung der europ\u00e4ischen Mittel sprechen. Es ist ganz wichtig, dass Sie alles Geld, das aus Europa nach Bulgarien kommen kann, wirklich ausgeben k\u00f6nnen, damit die Menschen dann auch einen Fortschritt sehen. Ich denke, wenn beispielsweise Autobahnen und andere Verkehrswege gebaut werden, dann sind das wichtige, ermutigende Signale f\u00fcr die Menschen im Land.\r\n\r\nMein Besuch wird also mit Sicherheit dazu beitragen und beigetragen haben, dass wir die Probleme, die es hier gibt, sehr viel besser verstehen. Ich darf Ihnen sagen \u2013 das war mein Eindruck aus dem Gespr\u00e4ch mit der Au\u00dfenhandelskammer, die ja letztlich f\u00fcr Tausende Unternehmen steht, die sich hier in Bulgarien engagieren \u2013, dass der gute Wille, in Bulgarien zu re\u00fcssieren und Erfolg zu haben, bei den deutschen Unternehmen in umfassendem Sinne vorhanden ist und dass hier auch sehr viele gemeinsame Ziele verfolgt werden. Wir sind also sehr gerne bereit, Bulgarien dort, wo es von Deutschland Hilfe ben\u00f6tigt und auch anfordert \u2013 auch was Fragen der \u00dcberwindung von B\u00fcrokratie anbelangt \u2013, zur Seite zu stehen. Deutschland ist auch nicht immer ein unb\u00fcrokratisches Land, manches dauert auch in Deutschland sehr lange. Wir haben aber eine langj\u00e4hrige Erfahrung mit den Prozeduren, die in der Europ\u00e4ischen Union verlangt werden, und k\u00f6nnen hier, wie ich glaube, manch guten Rat geben.\r\n\r\nEin Thema, das immer wieder eine sehr gro\u00dfe Rolle gespielt hat \u2013 hier bitte ich Sie darum, dass wir das schnell weiterverfolgen k\u00f6nnen \u2013, ist das Thema der Ausbildung. Ich glaube, dass die Ausbildung ein Punkt ist, der sehr stark dar\u00fcber entscheidet, ob junge Menschen, die in Bulgarien zur Schule gegangen sind, dann auch ihre berufliche Zukunft hier in ihrem Land sehen. Wie ich es verstanden habe, ist die berufliche Ausbildung zum Teil noch sehr theoretisch und kn\u00fcpft noch nicht an die eigentlichen Erwartungen an, die moderne Unternehmen an die jungen Menschen, die sie besch\u00e4ftigen, stellen. Hier ist mein Vorschlag, dass wir uns das noch einmal anschauen. Die Gesellschaft f\u00fcr technische Zusammenarbeit hat hier offensichtlich vier Jahre lang Einiges probiert. Allerdings habe ich gelernt: Obwohl das Programm dieses Jahr ausl\u00e4uft, sind erst 50 Prozent der Arbeit erledigt. Es ist also noch nicht so, dass man daraus wirklich berufliche Ausbildung machen kann.\r\n\r\nDie deutsche Erfahrung ist aber im Grunde, dass junge Leute m\u00f6glichst viel in Betriebe hinein m\u00fcssen, in denen sie von Anfang an lernen, wie das in der Praxis funktioniert, was sie an anderer Stelle in der Theorie erfahren. Wir nennen das duale Berufsausbildung, die idealerweise immer von einer betrieblichen Ausbildung und durch theoretische Kenntnisse untermauert wird. Daraus ist in Deutschland in Jahrzehnten eine solide Struktur von Facharbeitern, von sehr gut ausgebildeten Menschen entstanden, die auch in der Lage sind, sich ihr gesamtes Arbeitsleben lang immer wieder an neue Technologien und an Ver\u00e4nderungen zu gew\u00f6hnen. Wir sollten noch einmal schauen, wie wir da enger zusammenarbeiten k\u00f6nnen. Es ist eigentlich einhellig von allen Mitgliedern der Au\u00dfenhandelskammer gesagt worden, dass das ein Punkt ist, an dem noch weiter gearbeitet werden muss.\r\n\r\nWir sind als Bundesrepublik nat\u00fcrlich bereit, bulgarische Exporte auch als unsere Importe zu verstehen. Wir sind das zweitwichtigste Lieferland f\u00fcr Bulgarien, haben also sehr gute Rahmenbedingungen. Deutsche Unternehmen sind eigentlich in fast allen Bereichen in Bulgarien ans\u00e4ssig \u2013 zum Beispiel im Maschinenbau, Automobilbau, in der Grundstoffindustrie, Pharmaindustrie, Energieversorgung und Verkehrsinfrastruktur.\r\n\r\nWenn es mir gestattet ist, m\u00f6chte ich zur Energieversorgung noch etwas sagen, denn ich glaube, dass sich die Frage des Wohlstands der Bev\u00f6lkerung und die M\u00f6glichkeit, Ertr\u00e4ge zu erzielen, im Energienetz am meisten brechen. Nat\u00fcrlich darf Energie einerseits nicht zu teuer sein; sie muss f\u00fcr die Menschen bezahlbar sein. Auf der anderen Seite muss das Energiesystem auf eine moderne Grundlage gestellt werden. Ich glaube, hier ist es wichtig, dass die Regierung einen langfristigen Plan erstellt, wo man schrittweise hin m\u00f6chte. Hier sind wir gerne bereit zu helfen.\r\n\r\nWir haben in diesem Jahr gl\u00fccklicherweise wieder eine leicht aufsteigende Tendenz, aber wir alle werden in Europa noch lange an der Krise zu knabbern haben. Ich will ausdr\u00fccklich sagen, dass ich es sehr w\u00fcrdige, dass Bulgarien nicht den Weg \u00fcber eine hohe Verschuldung geht, sondern seine W\u00e4hrung an den Euro gekoppelt hat und dem Eurobereich so schnell wie m\u00f6glich, wenn die Kriterien erf\u00fcllt werden, beitreten m\u00f6chte. Ich sage auch ausdr\u00fccklich zu, dass wir bereit sind, Bulgarien streng nach den Kriterien aufzunehmen. Es gibt jetzt manchmal die Sorge, ob nach den Problemen, die wir mit Griechenland hatten, \u00fcberhaupt noch neue Mitglieder in den Eurobereich aufgenommen w\u00fcrden. Da k\u00f6nnen Sie sich aber ganz sicher sein. Wir haben jetzt Estland die Zusage gegeben, dass es ab dem 1. Januar 2011 Mitglied des Euroraums sein kann. So werden wir das auch in allen anderen F\u00e4llen machen.\r\n\r\nWenn Sie sich \u00fcberlegen, wo f\u00fcr Bulgarien \u2013 \u00fcber das hinaus, was man klassischerweise schon kann \u2013 neue Bereiche der Entwicklung entstehen k\u00f6nnen, dann ist sicherlich die Frage der Energieeffizienz, die Frage der erneuerbaren Energien als ein sehr spannendes und interessantes Investitionsfeld zu nennen. Hier ist Deutschland gerne bereit, mit Ihnen gemeinsam zu arbeiten.\r\n\r\nIch m\u00f6chte mich bei der Handelskammer daf\u00fcr bedanken, dass sie nicht nur in allgemeine Kritik oder allgemeine Spr\u00fcche gefl\u00fcchtet ist, sondern dass der bulgarischen Regierung ganz konkret 101 Vorschl\u00e4ge \u00fcbergeben wurden. Ich habe mich davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass diese Vorschl\u00e4ge bearbeitet werden und dass man bei einem Teil der Vorschl\u00e4ge schon in der Umsetzung ist; bei anderen Teilen wartet man noch. Die klassischen Fragen, \u00fcber die wir auch in Deutschland immer wieder diskutieren, sind nat\u00fcrlich steuerrechtliche Fragen und auch Fragen der Investitionssicherheit. Ich habe gelernt, dass bei den Rechtsfragen gearbeitet wird, w\u00e4hrend bei den steuerrechtlichen Fragen vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit vergehen wird.\r\n\r\nDeutschland und Bulgarien \u2013 Teil einer gemeinsamen Europ\u00e4ischen Union. Der Binnenmarkt innerhalb der Europ\u00e4ischen Union ist sozusagen unsere Chance. Alle unsere L\u00e4nder sind im Grunde zu klein, um allein auf den Weltm\u00e4rkten bestehen zu k\u00f6nnen. Deshalb ist die Frage, wie wir den Binnenmarkt in der Europ\u00e4ischen Union gestalten, nat\u00fcrlich eine der zentralen Fragen. Dazu geh\u00f6rt, dass wir neben dem Binnenmarkt im klassischen Sinne jetzt auch einen Energiebinnenmarkt schaffen wollen. In Bulgarien ist, glaube ich, immer noch in der Diskussion, wie die Energiestruktur des Landes aussehen sollte und wo man Energie importieren oder exportieren sollte. Dar\u00fcber k\u00f6nnen wir gerne sprechen. Das hat auch etwas mit den gro\u00dfen Infrastrukturprojekten zu tun \u2013 sei es Nabucco, sei es South Stream.\r\n\r\nWir werden im Februar einen Energierat haben, der f\u00fcr alle Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist. Wir m\u00fcssen uns in Europa immer wieder vor Augen halten, dass die Welt nicht auf uns wartet. Ich habe in der Weltwirtschaftskrise immer wieder gesagt: In einer solchen Krise werden gemeinhin die Karten neu gemischt. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass wir als Europ\u00e4ische Union innerhalb des Zeitraums, in dem man sich weltweit wieder aus der Krise herausarbeitet, nicht an Wettbewerbskraft verlieren und ins Hintertreffen geraten.\r\n\r\nWenn wir eine gemeinsame W\u00e4hrung haben, ist die Einhaltung des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakts, so wie er in der Europ\u00e4ischen Union vereinbart ist, essenziell f\u00fcr das Vertrauen der verschiedenen Mitgliedstaaten in diese W\u00e4hrung. Wir in der Europ\u00e4ischen Union sind \u2013 zu Recht, wie ich finde \u2013 der Meinung, dass die Wirtschaftskrise soweit \u00fcberwunden ist, dass wir jetzt auch an die Exitstrategien denken m\u00fcssen. Es wird in diesen Tagen weltweit sehr viel dar\u00fcber diskutiert, wie sich die einzelnen W\u00e4hrungen zueinander verhalten und wer welche Strategie verfolgt. Wir werden auf dem G20-Treffen in S\u00fcdkorea sicherlich auch noch einmal \u00fcber genau diesen Punkt sprechen. Denn wenn einige Industrienationen oder zum Beispiel die gesamte Europ\u00e4ische Union tief in einer Exitstrategie verhaftet sind, andere aber noch weit davon entfernt sind, dann bringt das nat\u00fcrlich eine Vielzahl von Problemen mit sich, die die Nachhaltigkeit des weltweiten Wirtschaftswachstums wieder in Frage stellen. Hierbei werden wir miteinander sicherlich in einem engen Kontakt sein.\r\n\r\nWir haben au\u00dferdem darauf zu achten, dass wir uns in Europa um die Dinge k\u00fcmmern, die unsere Wettbewerbsf\u00e4higkeit st\u00e4rken. Ich bin mir nicht sicher, dass jede Initiative, die in Europa in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurde \u2013 zum Beispiel die Kennzeichnung von diesen und jenen guten und schlechten Lebensmitteln \u2013, wirklich so wichtig ist, dass man sie mit letzter Inbrunst verteidigen sollte. Andere Initiativen haben w\u00e4hrenddessen \u2013 eine gemeinsame Forschungspolitik, eine gemeinsame Innovationspolitik, ein gemeinsamer Ausbau von Breitbandkabeln und ein gemeinsamer Energiemarkt \u2013 vielleicht nicht immer die Priorit\u00e4t bekommen, die sie h\u00e4tten bekommen sollen. Sie, die neuen Mitgliedstaaten in der Europ\u00e4ischen Union, haben noch ein sehr gutes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was f\u00fcr die Zukunft wichtig ist und was vielleicht schon ein bisschen einem sehr hohen Entwicklungsniveau geschuldet ist. Deshalb m\u00f6chte ich Sie von der bulgarischen Seite auch bitten, uns immer wieder zu sagen, was wir tun m\u00fcssen, damit wir ein wirklich leistungsstarkes und wettbewerbsf\u00e4higes Europa werden.\r\n\r\nDer Wettbewerbsdruck in den n\u00e4chsten Jahren wird nicht geringer werden. Wenn Sie sehen, dass sich China jetzt entschieden hat, zum Beispiel in Griechenland zu investieren, oder wenn Sie sehen, dass China eine Autobahn-Ausschreibung in Polen gewonnen hat, dann erahnen Sie, mit welchen Wettbewerbern wir uns auseinandersetzen m\u00fcssen. Wir wollen nicht protektionistisch sein. Wenn andere besser sind als wir, dann werden wir das akzeptieren m\u00fcssen. Insofern brauchen wir einander \u2013 von einer guten Wissenschafts- und Innovationslandschaft bis hin zu akzeptierten Unternehmen in unseren L\u00e4ndern \u2013, damit wir als Europ\u00e4ische Union stark sind. Das machen wir ja nicht zum Selbstzweck, um uns auf die Schulter klopfen zu k\u00f6nnen, sondern das tun wir, um den Wohlstand der Menschen in unseren L\u00e4ndern zu heben.\r\n\r\nDie Devise, nach der wir in Deutschland mit dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft immer erfolgreich waren und die ja auch im Lissabon-Vertrag festgeschrieben ist, hei\u00dft: So viel Staat wie n\u00f6tig \u2013 wir haben in der Wirtschaftskrise gesehen: wenn es gar keine staatlichen Kontrollen und Regeln gibt, dann ist das schlecht \u2013, aber eben an anderen Stellen auch so wenig Staat wie m\u00f6glich, damit sich Unternehmen mit ihrer Kraft und ihren Ideen entfalten k\u00f6nnen.\r\n\r\nLetzte Bemerkung: Deutschland ist im Grunde immer gut damit gefahren, nicht nur wenige gro\u00dfe Unternehmen zu haben, sondern auch viele kleine und mittlere, die in einem best\u00e4ndigen Wettbewerb versucht haben, miteinander um die besten Produkte zu ringen. Daf\u00fcr brauchen sie Freiraum, aber eben auch gleiche Wettbewerbsbedingungen. Die Vielzahl von kleinen Unternehmen hat sich immer als unsere St\u00e4rke erwiesen, denn kleine Unternehmen k\u00f6nnen schnell auf sich weltweit ver\u00e4ndernde Marktlagen reagieren. Deshalb sage ich: Wo immer Sie k\u00f6nnen, vergessen Sie die Kleinen nicht, sondern haben Sie ein Wettbewerbsrecht \u2013 das war vielleicht der wichtigste Erfolgsschl\u00fcssel von Ludwig Erhard zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland \u2013, das Monopolstrukturen verhindert und dadurch den kleinen Strukturen die Kraft gibt, sich entwickeln zu k\u00f6nnen. Glauben Sie aber nicht, dass Sie daf\u00fcr Beifall bekommen. Ludwig Erhard ist von allen Wirtschaftsverb\u00e4nden, die wir hatten, f\u00fcr dieses Wettbewerbsrecht bek\u00e4mpft worden. Die Gro\u00dfen wollten alle, dass sie sich weiter ausbreiten konnten. Es war vielleicht die wegweisendste Entscheidung von ihm, ein solches Wettbewerbsrecht zu installieren, das den Kleinen die Luft zum Atmen gelassen hat und damit den Wohlstand in Deutschland gef\u00f6rdert hat.\r\n\r\nHerzlichen Dank daf\u00fcr, dass ich heute zu Ihnen sprechen durfte. Herzlichen Dank Ihnen allen f\u00fcr Ihr Engagement f\u00fcr Deutschland und Bulgarien \u2013 zum Nutzen Ihrer Firmen, aber eben auch zum Nutzen der Beziehungen zwischen unseren beiden L\u00e4ndern. Alles Gute f\u00fcr die deutsch-bulgarischen Beziehungen.","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"class_list":["post-337","page","type-page","status-publish","hentry"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rede Angela Merkel in Sofia vor dem Deutsch-Bulgarischen Wirtschaftsforum vom 11. 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